Bereits gegen Ende des zweiten Jahrhunderts begannen einige frühe Christen, die Eunuchen in Matthäus 19,12 als bloße Chiffre für die Ehelosigkeit zu lesen. Zahlreiche neuere Auslegungen haben diese Sicht in Frage gestellt und darauf hingewiesen, dass Eunuchen als problematisches Vorbild für Ehelosigkeit gegolten hätten, da das zur Zeit des Matthäusevangeliums wirksame Eunuchenmotiv einen hypersexualisierten konnotiert war und häufig als rhetorische Kontrastfigur zur Ehelosigkeit diente, nicht als Modell. Gleichwohl beruht die moderne bibelwissenschaftliche Exegese dieser Stelle auf einer naheliegenden, jedoch auffälligerweise nicht hinterfragten Voraussetzung: dass die Eunuchen weiterhin als Vorbild für die Nachfolge zu verstehen seien. Gemäß dieser Prämisse besteht die exegetische Aufgabe darin, den ansonsten rätselhaften Aspekt der Jüngerschaft zu ermitteln, den die Eunuchen angeblich verkörpern. Ian Kinman macht geltend, dass eine solche Lesart anachronistisch und verfehlt ist: Die Eunuchen wurden vom Verfasser des Matthäusevangeliums nicht als Vorbild, sondern als Antitypus verstanden. Gestützt auf zahlreiche Beispiele aus der Literatur des antiken Mittelmeerraums des ersten und zweiten Jahrhunderts sowie durch eine detaillierte vergleichende Exegese des Matthäusevangeliums zeigt der Autor, dass Matthäus 19,12 die Eunuchen als Beispiel für diejenigen darstellt, die im Blick auf das Wort vom Reich nicht fruchtbar sind, und zwar konkret im Kontext der kontroversen Lehren Jesu zu Scheidung und Ehe. Stattdessen sind sie, mit den Worten von Jesaja 56,3, „verdorrt". Damit sind die Eunuchen nicht als Vorbilder für das Leben in der matthäischen Gemeinde zu verstehen, sondern als Warnung vor einer nur unvollständigen Annahme und Verwirklichung des anspruchsvollen Wortes vom Himmelreich.
As far back as the end of the second century, some early Christians began to read the eunuchs of Matthew 19:12 as a simple cipher for celibacy. Many contemporary readings have challenged this view by noting that eunuchs would have been a problematic exemplar for celibacy, considering that the eunuch trope current at the time of Matthew's gospel was that of a hyper-sexualized character, frequently used as a rhetorical foil for celibacy, not a model. Yet modern biblical exegesis of this passage depends on one obvious but oddly unquestioned presumption: that the eunuchs in question still should be seen as a model for discipleship. On this presumption, the exegetical task concerning the passage is to discern the otherwise enigmatic aspect of discipleship that the eunuchs model. Ian Kinman argues that such a reading is anachronistic and misguided: eunuchs were not seen by the author of Matthew's gospel as a model, but an anti-type. Drawing on numerous examples of first- and second-century literature from the ancient Mediterranean world, and a detailed comparative exegesis of the gospel of Matthew, the author demonstrates how Matthew 19:12 presents eunuchs as an example of those who are not fruitful of the word of the kingdom, specifically in the context of Jesus's challenging teachings on divorce and marriage. They are instead, to use the language of Isaiah 56:3, "withered." As such, eunuchs represent not an illustration of how one is to live in Matthew's community, but a warning against the incomplete acceptance of the challenging word of the kingdom of heaven
Produkteigenschaften
- Artikelnummer: 9783162003270
- Medium: Buch
- ISBN: 978-3-16-200327-0
- Verlag: Mohr Siebeck
- Erscheinungstermin: 30.09.2026
- Sprache(n): Englisch
- Auflage: 1. Auflage 2026
- Serie: Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 2. Reihe
- Produktform: Kartoniert, fadengeheftete Broschur
- Seiten: 380
- Format (B x H): 155 x 232 mm
- Ausgabetyp: Kein, Unbekannt
Themen
- Geisteswissenschaften
- Christentum, Christliche Theologie
- Bibelwissenschaften
- Neues Testament: Exegese, Geschichte
- Geisteswissenschaften
- Religionswissenschaft
- Religionswissenschaft Allgemein
- Heilige & Traditionelle Texte, Mythologie, Vergleichende Mythologie
